Vom richtigen Zusammenspiel

Vor langer Zeit einmal zerbrach die große Musik des Lebens in ein unruhiges Durcheinander einzelner und vereinzelter Töne.

„Ich“ drang es plötzlich durch die aufgelösten Reihen… „ich“, „ich“, „ich“…

Ein A, das gewohnt war, den Ton anzugeben, beklagte sich: „ich möchte endlich frei sein – und nicht mehr abhängig… von einer dieser Notenlinien, den anderen Tönen und dem Gutdünken der Musiker“. Viele Noten wurden von der Sehnsucht des Kammertons angesteckt und waren bald nur noch damit beschäftigt, sich selbst zu verwirklichen.

Alle bisherigen Ordnungen wurden verworfen, keiner hörte mehr auf den anderen… jeder fühlte sich bald völlig unabhängig! Aber es erklang auch keine Musik mehr – nur noch ein schaurig-schräges Durcheinander einzelner Klänge. Eine gefährliche Krankheit breitete sich aus: Einsamkeit. In ihrer Not wandten sich einige Töne an einen alten Musiker. Was er hörte, schmerzte ihn – nicht nur in den Ohren, auch im Herzen.

„Ihr habt den Sinn füreinander verloren“, erklärte er. „Wenn jeder Ton nur mehr für sich selber lebt, ist das euer Ende. Wenn ihr nicht mehr aufeinander hört, das Ende der Musik. Jeder Ton ist in seiner Eigenheit wichtig. Aber einzeln gespielt ergibt es keine Melodie.

Das Geheimnis liegt im richtigen Zusammenspiel. Wenn eine Melodie erklingen soll, braucht es jeden einzelnen Ton und zugleich Hingabe und Hinführung auf die nächsten. Nur, wenn ein Ton den anderen unterstützt und auch selbst unterstützt wird, erklingt Musik. Deshalb ist es so wichtig, dass ihr aufmerksam seid und nicht verlernt, aufeinander zu hören.“

Dem Rat des alten Musikers vertrauend, versuchten die Töne, die Ohren wieder füreinander zu öffnen und begannen sacht und behutsam, ihr neues Lied zu gestalten.

Die anfangs kleine Melodie wurde zunehmend vielstimmiger und bekam immer mehr Klangfarbe – bis schließlich eine große Symphonie den Raum füllte.

Seit diesen Tagen wohnt der Musik eine tiefe, verwandelnde Kraft inne. Und wenn man ganz still wird und genau hinhört, kann man diese Kraft noch heute spüren.

(nach Ulrich Peters)